|
|
Nachruf auf Gretl Kastner
Zu sterben ist das
eine, zumal
mit 83 Jahren, sofort in die Körperlosigkeit zu verschwinden
das
andere. Etwas, was ich nach wie vor schwerlich fassen kann. Doch sie
wünschte sich ein Urnenbegräbnis in Weitnau.
Überhaupt
kreiste ihr Leben um diesen Ort im Oberallgäu und um
Literatur.
Sie wurde Kriegsopfer in ihrer Jugend und musste den Hausstand und ihre
Geschwister versorgen. Es war ihr verwehrt, eine Schule
abzuschließen. Sie war belesen wie ein
Theaterintendant, besaß sie aber kein Buch,
außer der
Bibel und einem Kreuzwortlexikon. Aus dem Stegreif konnte sie je ein
Dutzend Gedichte von, ich weiß nicht, Brecht,
Hölderlin,
Heine und Goethe rezitieren mit großer Textsicherheit.
In einer Aufnahmepause zu dem Hörbuch in ihrer Küche
servierte sie Käse aus dem Ort, selbst gebackenes Brot, Butter
und
Wasser. Meine Frau Monika lobte den hervorragenden Bergkäse,
André das würzige Brot. Er wollte sich das Rezept
merken.
Gretl liebte das einfache Leben als Lösung für die
globalen
Probleme. Sie war eine Kosmopolitin, die nie verreiste!
Sie blieb jung bis zu ihrem Tod. Sie ließ sich nicht
verbiegen.
Sie nahm die Wirren der Gegenwart nur spitzbübisch zur
Kenntnis.
Nichts vermochte sie zu vergrämen. Irgendwie schien ihr ihr
Glaube
dazu zu verhelfen. Gretl war katholisch im umfassenden Sinn. Ich meine,
sie versäumte keinen Gottesdienst in Weitnau in ihren
gesunden Tagen. Ich spreche von Werk-, Sonn- und
Feiertagsgottesdiensten.
Sie liebte mein Buch aus dem Land der Asen. Sie lobte mich! Ihr Blick
geriet sonderbar, wenn wir uns begegneten. Dann versuchte sie zu
ergründen, was in mir diese Worte hervorbrachte und dankte
mir.
Mit Stolz war sie beim Asen-Projekt dabei und mein Halt bei den
gemeinsamen
Lesungen.
Ihr Neffe Gotthard erzählte mir, dass sie den ganzen 10.
November
2008 damit verbrachte, das Hörbuch wieder und wieder laut zu
hören. Ich wusste nicht, dass meine Worte als Sterbebegleitung
taugen.
Am Vormittag des 11. November 2008 verstarb sie.
Sie würde jetzt sagen: „Zuviel der Worte.“
Wolfgang Zanker, März 2009
|
|